Von Roby Krantz
aus der Broschüre zur Ausstellung vom 14. und 15. Mai 1966.
Siehe Zeichnung auf dem Sonderumschlag von 1966.

 

DIE JUNGFRAU VOM JOHANNISBERG

Einst erhob sich auf dem Johannisberg bei Düdelingen eine feste Burg, die mit den Burgen von Zolver und Hesperingen durch Leuchtfeuer (Lûcht) in Verbindung stand. Von dieser Burg, ein Bollwerk der Festung Luxemburg, geht folgende Sage:

Jungfer Elisabeth von Hunolstein, vordem getraut mit einem Herrn von Wendel aus Reims, lebte auf ihrer heimatlichen Burg auf dem Johannisberg in fast klösterlicher Verborgenheit. Durch ihre Wohltaten, die sie dem Düdelinger Volk erwies, galt sie als höheres, heiliges Wesen.

Verborgen, wie sie stets gelebt hatte, starb sie auch und wurde auf dem Gipfel des Berges in der Ahnengruft begraben. Das Volk aber wollte ihren Tod nicht wahr haben und wähnte sie bloß verbannt im Schosse des Johannisberges.

Als die Franzosen die Burg zerstört hatten und grosses Elend im Volk herrschte, tröstete man sich in der Hoffnung ,,d'Joffer vum Gehânsbierg" werde wiederkommen um die Not zu lindern und alle Schätze aus ihrem goldenen Schrein unter das Volk zu verteilen. Doch musste sie vorher noch von ihrem Banne befreit werden.

Alle sieben Jahre erscheint die Jungfer deshalb in der Maiennacht, schneeweiss gekleidet. Nachdem sie sich an der Quelle des ,,Schenkburs" oder des ,,Granteburs" gewaschen und ihre Locken gekammt hat, sitzt sie da wehklagend und alle vorübergehenden Jünglinge um Erlösung bittend.

Findet sich nun ein Jüngling bereit sie zu erlösen, erscheint sie in der folgenden Nacht auf dem Gipfel des Berges, aus dem einstigen Schlossbrunnen steigend, in Gestalt einer feuerspeienden Schlange. (S. Stempel der Ausstellung vom 15. Mai 1966.) Hier liegt sie zusammengerollt auf ihrem Schrein mit einem goldenen Schlüssel im Munde. Besitzt der Jüngling genügend Mut, mit seinem eigenen Munde den Schlüssel aus dem Munde der feurigen Schlange zu ziehen, so ist die Jungfer erlöst, gehört ihrem Befreier als Braut, und alle Schätze des Schreines sind ihm eigen.

Nachtrag; Viele Jünglinge hegten inzwischen den stillen Wunsch, die edle Jungfer zur Zeit des Maihöhens zu befreien. Doch gelang bis zum heutigen Tage noch niemandem diese mutige Tat. Also klagt weiterhin in Wehmut die unerlöste Jungfer:

Oh weh ! 0 weh ! 0   weh !
In sieben Jahren nit meh!
Dazu noch sink ich tiefer!
Wohl sieben Klafter tiefer!