5 Tage hin und zurück und zwei kreative Brüder

 

Vorstellen möchte ich euch einen sehr ansehnlichen Incoming Mail-Beleg aus Kopenhagen. Die Stempel sind alle erstklassig, eigentlich zu schön um wahr zu sein.

 

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  Abb.1 Vorderseite des Belegs

 

Es handelt sich um eine Ganzsache (Abb.1) zu 4 Öre mit Zusatzfrankatur, gesamt 15 Öre. Stempel KJøBENHAVN INGV. HVIID mit Datum 3.9.1898. Entwertet wurden die Marken mit einem FRåN DANMARK. Kastenstempel. Adressiert ist der Brief an die Gebrüder Gillen, wohnhaft in „Wasserbillig Luxemburg“, beides durchgestrichen. Oben ein Vermerk „zurück“ in schwarzer Tinte und „6/9 retour“ in blau.

 

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Abb.2 Rückseite der Ganzsache

 

Auf der Rückseite (Abb.2) finden wir, mittig den ovalen Firmen Stempel von Ingvard Hviid Graveur, ein Vermerk ‚Adressat unbekannt‘ samt Unterschrift vom Luxemburger Postbeamten und jede Menge Stempel:

1. MALMÖ *1* 3.9.98 10 11 em

2. TRELLEBORG […] *C* vom 4.9 […]

3. * LUXEMBOURG-GARE B * 5 9 98 6.7 M

4. * WASSERBILLIG * 5 / 9 98 10 11 M

5. KJøBENHAVN *K* 20MB - 7.9.98

6. KJøBENHAVN INGV.HVIID 7.9.1898.

Unser Beleg hat demnach die ganze Strecke Kopenhagen – Luxemburg – Kopenhagen in 5 Tage bewältigt. Bemerkenswert wie schnell die Post damals zugestellt wurde! Wobei der Hinweg erstaunlicherweise deutlich länger brauchte als der Rückweg. Dafür gibt es bestimmt eine triftige Erklärung.

Und was hat es nun mit den kreativen Brüdern auf sich? Dafür müssen wir uns etwas näher mit dem Absender beschäftigen.

Harald und Ingvard Hviid

Hans Nielsen hat 1867 in Kopenhagen eine Firma gegründet, welche ab 1875 unter dem Namen H.N Hviid & Co geführt wurde. Gehandelt wurde u.a. mit Gold, Silber und wertvollen Steinen. Nach dem Tode von Hans Nielsen übernahm sein Sohn Harald die Firma, zumindest auf dem Papier, denn im Hintergrund agierte die Mutter mit eiserner Hand.

Der zweite Sohn, Ingvard, war Graveur von Beruf und führte nebenbei einen Süßigkeitenladen. Die Brüder waren geschäftlich viel unterwegs, importierten Waren aus unterschiedlichen europäischen Ländern. Somit war es nicht verwunderlich, dass sie einen regen Postverkehr hatten. Sie waren beide Sammler mit einer Schwäche für Stempel und Entwertungen. 

Als Graveur war Ingvard darauf spezialisiert Siegel und Firmenstempel zu produzieren. Und so kam es, dass Ingvard eigene Poststempel fertigte und auch benutzte (belegt ab 1897). Anfangs sollen sich die Brüder nur so zum Spaß Briefe unter sich geschickt haben und laut deren Aussage wurden sich jeweils eigenhändig in den Briefkasten des anderen gesteckt.

Weit gefehlt wie sich im nach hinein herausstellte. Die beiden beließen es auch nicht bei Inland Korrespondenz, sondern schickten Briefe an fiktive Adressen im Ausland um dann die Belege retour zugestellt bekommen mit allerlei Stempel gepflastert. Dies ging mehrere Jahre gut.  Aber irgendwann, laut meiner Quelle im November 1908, wurde die Post auf die Machenschaften der Brüder aufmerksam. Es kann nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn sich frankierte und vorentwertete Briefe in einem öffentlichen Briefkasten befinden!

Die Post stellte Nachforschungen an und schaltete die Polizei ein. Die Affäre nahm ihren Lauf, musste aber unverrichteter Dinge eingestellt werden, denn unsere beiden Brüder redeten sich gekonnt aus allem heraus. Das Verschicken von Briefen im großen Stil soll dann auch aufgehört haben, der Schock saß doch recht tief bei den beiden. Aber so ganz konnten die Brüder es wohl doch nicht lassen. Bekannt ist u.a. ein Beleg aus dem Jahre 1912 an die Adresse der Brüder Hviid bei dem es berechtige Zweifel an der Echtheit des abgeschlagenen Eingangsstempel gibt.

Welche Stempel sind nun echt und welche falsch auf dem Incoming Mail-Beleg?

Fakt ist, dass die Kopenhagen-Stempel mit der „HVIID“ Inschrift nicht postalischen Ursprungs sind. In philatelistischen Kreisen werden diese Stempel als Privatstempel bezeichnet. Was nun die Stempel Malmö und Trelleborg angeht, kann ich Mangels Erkenntnissen nicht sagen ob die echt sind oder ein weiterer Fake der beiden Brüder. Ich kann nur vermuten, dass alle Auslandsstempel korrekt abgeschlagen wurden. Dies würde den Kastenstempel FRåN DANMARK einschließen.

Es handelt sich hier um einen Schwedischen Pakebot-Stempel. Zweifel könnten aufkommen, wegen der ‚dreifach Abstemplung‘. Die Tinte scheint identisch mit dem Malmö Stempel. Die Brüder haben den Beleg wahrscheinlich direkt am Schiffsbriefkasten der Fähre nach Trelleborg eingeworfen und der zuständige Beamte wollte nur die Marken entwerten. Hier wäre ein Experte gefragt, denn auch solche Stempeltypen haben die Brüder in Eigenregie gefertigt. Wie verhält es sich mit dem Kopenhagen K Eingangsstempel auf dem Verso? Die Farbe der Tinte scheint nicht identisch mit den ‚Hviid‘ Stempeln. Die Stempel scheinen auch korrekt zu überlappen. Man könnte davon ausgehen, dass er echt ist. Der Beleg ging auf der Rückreise aus Luxemburg ja erst bei der dänischen Post ein, wurde dort abgestempelt und nach Ermittlung des Empfängers zugestellt. Aber in Anbetracht dessen, dass unsere beiden Kreativen vermeintlich auch andere Kopenhagen-Stempel gefälscht haben, bedürfte es auch hier der Hilfe eines Fachkundigen.

Verbleiben unsere Luxemburger Stempel, welche meines Erachtens echt sind. Der Beleg wurde auf dem regulären Postweg nach Wasserbillig befördert. Man beachte die handschriftlichen Vermerke auf Vorder- und Rückseite welche ich der Luxemburger Post zuordne.

Alleine wäre ich als Luxemburgerin nicht auf dieses dänische „Possenspiel“ gestoßen. Darauf hingewiesen wurde ich von einem befreundeten Norwegischen Philatelisten nach dem ich meinen Neuzugang in einem Forum vorgestellt hatte. Einen etwas detaillierteren Artikel zu den Machenschaften der Hviid Brüder konnte ich in Großbritannien über die Scandinavian Philatelic Society beziehen.

Wie ihr seht eine interessante Geschichte mit vielen offenen Fragen. Es fehlt leider an den nötigen Kontakten um alle Zweifel, berechtigt oder nicht, beizulegen. In ein Wettbewerbsexponat kann einer solcher Beleg durchaus eingebaut werden, allerdings muss die Beschreibung auf die falschen Stempel hinweisen.

 

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